Positionspapier über die Beziehungsarbeit im KJH Amthor

Der Mann, der den Berg abtrug, war derselbe, der anfing,
kleine Steine wegzutragen. (China)

Es ist keine neue Erkenntnis, dass in der Vielzahl der Fälle Kindern innerhalb stationärer Hilfen wesentliche Grunderfahrungen fehlen, die sie im Laufe ihrer Kindheit hätten machen müssen, um sich gesund und ungestört zu entwickeln.

Hierzu gehören Erfahrungen, als Kind von dauerhaften Bezugspersonen angenommen, versorgt, geliebt, genährt, beschützt zu werden, Geborgenheit, Verlässlichkeit, Förderung und Begrenzung, Orientierung und Freiheit, Zutrauen und Behütung vor Überforderung zu erleben.

Viele Kinder im Bereich der erzieherischen Hilfen haben, nach einer Analyse der Lebensschicksale der Kinder, die der Arbeitskreis „§ 27“ im Landesjugendamt Rheinland untersuchte, diese menschlichen Grunderfahrungen nicht gemacht, sondern wurden von Mutter und/oder Vater von Geburt an abgelehnt, vernachlässigt, unterversorgt, geschlagen, misshandelt oder sexuell missbraucht. Manche von ihnen hatten keine oder zu viele Bezugspersonen und reagierten mit Beziehungsstörungen und Bindungslosigkeit. Wer niemanden hatte, für den er wichtig und wertvoll war, kann kein Selbstwertgefühl entwickeln. Fehlende Verlässlichkeit und Mangel an menschlicher Geborgenheit schafft Misstrauen, Angst und Unsicherheit.

Es gibt Kinder und Jugendliche, die so fürchterliche und traumatische Erfahrungen mit Erwachsenen gemacht haben, dass sie sich von keinem Erwachsenen mehr erreichen lassen – auch von qualifizierten Erziehungskräften nicht. Es scheint, als ließen sie sich auf kein weiteres pädagogisches Angebot mehr ein, weil sie genug haben von den persönlichen Enttäuschungen und Verletzungen und weil sie bei jedem neuen Beziehungsangebot Angst haben vor neuen menschlichen Enttäuschungen. Sie glauben meist auch nicht mehr daran, für einen anderen so wichtig sein zu können, dass der es mit ihm ernst meint. („Der Erzieher will doch nur sein Geld verdienen und macht mit mir seinen Job!“)

Wir möchten Ihnen im Folgenden, zum Einstieg in diese komplizierte Thematik, einen Auszug aus dem Buch „Eine kleine Heilpädagogik“ von Andreas Mehringer vorstellen. Mehringer beschreibt u.a. das schwierige Prozedere im Kontext von Beziehungsarbeit:

„Wahrgenommen, bejaht, nicht übersehen zu werden – davon erfährt das normale Familienkind in reichem Maße von Geburt an. Wie sehr sogar das schon angenommene Kind immer weiter darauf angewiesen ist, zeigt sich zum Beispiel, wenn ein Geschwisterchen kommt. Schon wird es wieder unsicher: Wie steht es nun mit mir? Mögt ihr mich noch?Unser Kind, wurde bisher gar nicht oder viel zu wenig wahrgenommen. Da war bereits schon in der ersten Frühphase seines Lebens niemand da, der es freudig begrüßte als „das einzige, das schönste Kind, das es gibt“ (genau das müsste jedem Kind zu Beginn des Lebens passieren, einzig zu sein für jemand, um dann später zur Loslösung fähig zu werden). Was oft entscheidend fehlte, war die Mutter – und mit ihr die Erste wichtigste Lebenserfahrung, dass es Liebe überhaupt gibt! Rilke, der das „Lied der Waise“ gedichtet hat („Ich bin niemand und werde auch Niemand sein“), schreibt einmal in einem Brief: „Wem die Mutter nicht den Weg in die Welt gezeigt hat, der sucht und sucht – und kann keine Türe finden.“

Oder unser Kind hat dann später sein Zuhause wieder verloren, die Pflegepersonen und der Lebensraum wechselten; neues Beachtet-, Angenommenwerden hatte keine Dauer, und übrig blieb jetzt, im Alter von 4 oder 7 oder 12 und auch noch viel später ein ungestillter Hunger nach Zuwendung, Sicherheit und Geborgenheit. Die Krankheit dieser Kinder heißt: Ich-Armut- wer bin ich denn?

Ist das Versäumte nachzuholen? Ist ein „Nachbergen“ überhaupt möglich? Wer das Bemühen darum kennt, muss wohl gestehen: Leicht ist es nicht, es gleicht oft einem abenteuerlichen Unterfangen. Oft meint man, dem harten Gesetz des Zuspät zu begegnen – und dann öffnet sich doch wieder der Weg zu einem neuen Vorankommen. Die Bereitschaft, neue Erfahrungen überhaupt noch mal machen zu wollen, muss erst wieder geweckt werden. Je früher man damit beginnen kann – und dann besonders dies: je kontinuierlicher sich das Bemühen zeigt -, desto eher kann das Kind doch noch glücklich werden. Sicher: „Erziehen“ kann man ein ungeborenes Kind zunächst nicht, man muss es zuerst bergen; versuchen, es nachzubergen; es von Druck und Not zu befreien und damit seine Kräfte entbinden, seien sie groß oder klein.

Wie geht das Nachbergen? Wie sieht es aus? Es kommt aus dem Wahrnehmen. Wer das Kind behutsam wahrnimmt, von außen nach innen, dem wird es nicht schwer fallen, eine ganz individuelle Fantasie dafür zu entwickeln. Wichtig ist zunächst dies: Es eilt, ich darf mich jetzt durch nichts davon abhalten lassen. Es braucht jetzt vor allem meine Zuwendung – ganz ohne Vorbehalte und ohne die Bedingung, dafür gleich etwas zurückzubekommen.

Nachbergen heißt wahrnehmen – dies zunächst auch ganz wörtlich gemeint: auf das Kind zugehen, es anschauen mit verweilendem Blick, bei der ersten Begegnung und dann immer wieder, beim Weggehen und beim Wiederkommen. Anschauen – das ist besonders bei schon etwas größeren Kindern die legitimste Form der Zärtlichkeit.“

(...) Diese Kinder (die Altersgrenze nach oben ist hier weit zu sehen) wollen aber auch ganz kräftige körperliche Zärtlichkeit erleben, das körperliche Ganz-Nah-Sein-Dürfen, allein oder etwa bei der Vorlese-Viertelstunde vor dem Zu-Bett-Gehen. Fritz Redl („Kinder, die hassen“) weist da mit Recht einmal darauf hin, dass diese Kinder angesichts ihrer Ängste manchmal nichts weiter brauchen als eine sofort und immer wieder verabreichte "zusätzliche Menge von affektiver Zuwendung.“ Er fährt aber fort: „Kinder mit schweren Ich-Störungen haben es aber oft nicht leicht, die herkömmlichen Formen von Zuwendung zu akzeptieren; sie können manchmal nicht einmal das Bedürfnis danach eingestehen“ – im Gegenteil, sie provozieren mich mit Aggressionen und anderen negativen Annäherungsversuchen, die leicht falsch verstanden werden („ja, wenn du eben nicht willst“). Da gilt es, hindurchzusehen – und wenn meine Zuwendung echt ist, dann bleibt es doch nicht aus, dass sie schließlich doch einmal ankommt.

So weit Andreas Mehringer, Eine kleine Heilpädagogik. Vom Umgang mit schwierigen Kindern. Ernst Reinhardt Verlag München/Basel. 10. Auflage 1998, S.28 ff.

Die Beatles sangen bereits in den 60-iger Jahren ihren Welthit „All you need is love“. Doch ganz so einfach ist das natürlich in einer professionellen Jugendhilfe nicht, denn wir treffen hier tagtäglich auf eine Vielzahl unterschiedlichster Erwartungen, von den unterschiedlichsten Menschen.

Was heißt es und was genau ist es, wenn wir hierbei auch von Liebe und emotionaler Zuwendung sprechen? Erwarten und verstehen nicht gerade wenige Menschen unter einer „professionellen Beziehung“ die Distanz zum Kind, um eine möglichst objektive Ebene zu finden? Heißt es nicht hier und dort, zu viel Nähe zum Kind macht blind? Aber können aus Kindern später Erwachsene werden, die Beziehung und Liebe leben und einander weitergeben, wenn sie selbst nie erfahren haben, was es heißt „geliebt“ zu werden und für andere Menschen wichtig zu sein ? Ist die emotionale Annahme eines Kindes in einem institutionalisierten Beziehungsrahmen ernsthaft realisierbar- und falls ja, ist es das, was sich unsere „Auftraggeber“, sprich Eltern/Jugendamt/der junge Mensch selbst, von unserer Arbeit wünschen bzw. erwarten?

Viele Fragen, die uns immer und immer wieder über unser Beziehungsangebot nachdenken und reflektieren lassen. Es ist mit Sicherheit ein ständiger Auseinandersetzungsprozess, der niemals als abgeschlossen bezeichnet werden kann. Und trotz der vielen und sicherlich auch zu Recht vorangestellten Fragen, behaupte ich jetzt einfach, ja man kann und muss auch, einen ehrlichen interessierten, emotionalen und dennoch professionellen Zugang zum Kind / Jugendlichen finden und aufbauen, will man denn den jungen Menschen wirklich erreichen. Damit finde ich nun sogleich den Übergang zu unserem Arbeitsschwerpunkt, die Realisierung einer vertrauensvollen und akzeptierenden Beziehung.

Vorab sollten Sie aber über unsere Kinder und Jugendlichen folgendes wissen. Von den in den zurückliegenden fünf Jahren innerhalb unserer Einrichtung aufgenommenen Kindern und Jugendlichen kamen über 85 % aus Jugendhilfeeinrichtungen und Pflegefamilien. Das heißt, die Kinder hatten bereits mehrfache Beziehungsabbrüche erlebt, denn zehn, zwanzig und mehr Betreuungs- und Bezugspersonen im Laufe von sechs Jahren stationärer Jugendhilfe sind heutzutage keine Seltenheit. Wen würde es da verwundern, wenn das Vertrauen dieser Kinder gegenüber Erwachsenen stark gelitten hat oder schlimmstenfalls überhaupt nicht mehr vorhanden ist?

Grundvoraussetzung für den Aufbau einer Beziehung ist meiner Meinung nach eine gegenseitige Sympathie und ein reales Interesse am Kind/Jugendlichen und dessen Biografie. Wenn sich Kinder bzw. Jugendliche bei uns zur Aufnahme in das Kinder & Jugendhaus vorstellen/informieren und sich dabei im Erstgespräch oder spätestens während der Kontaktanbahnungsphase (Besuche und Probewohnen im Kinderhaus) keine Sympathie einstellt, ist ein Beziehungsaufbau nur sehr schwer zu leisten und von daher auch sehr fraglich. Fünf BetreuerInnen im Pädagogischen Team sind aber zugleich auch fünf individuelle Persönlichkeiten und die wiederum erleben die Kinder und Jugendlichen auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Sofern mindestens ein/eine TeamkollegIn einen „echten Zugang“ zu dem betreffenden Kind/Jugendlichen wahrnehmen kann, so sollte man die hier drin verborgene Chance unbedingt nutzen. Die Chance sehen wir im Übrigen im gemeinsamen miteinander, denn beide, sowohl der junge Mensch, als auch der/die BetreuerIn können von diesem Beziehungsarrangement profitieren.

Die Betreuungsarbeit des Kinder & Jugendhauses beginnt also stets mit einem intensiven Beziehungsaufbau, in den vor allem zu Anfang sehr viel Zeit, unendlich viel Geduld und Kraft investiert werden muss. Die Kennen lern- und zugleich „Beziehungseinstiegsphase“ wird z.B. durch eine Vielzahl ganz persönlicher Einzelangebote im freizeitpädagogischen Bereich zwischen dem/der BezugsbetreuerIn und dem Kind/Jugendlichen gestaltet. Man muss sich dabei für das Kind wie gesagt real interessieren, für die Hobbys, Fähig- und Fertigkeiten genauso wie für die Probleme und Defizite. Wir arbeiten zuallererst jedoch ausschließlich mit den Stärken des Kindes und nicht mit den Schwächen. Bevor kritisiert werden kann, muss als Grundlage eine positive, vertrauensvolle und mit gegenseitigem Respekt ausgerichtete Beziehung geschaffen worden sein. Die emotionale Zuwendung ist in dieser Phase sicherlich eher sekundär, da viele „unserer Kinder“ wie oben bereits beschrieben, durch diverse Beziehungsabbrüche und dem ständigen „weiterreichen“ innerhalb der Jugendhilfe skeptisch und vielfach auch schon emotionslos geworden sind. Wird aber eine vertrauensvolle Atmosphäre geschaffen, in der sich der junge Mensch ernst-, angenommen und „Zuhause“ fühlt, dann kommt in der Regel irgendwann der Tag ganz von allein, an dem die Kinder und Jugendlichen intensive emotionale Zuwendung für sich einfordern und damit ggf. auch überprüfen wollen, wie ernst wirklich der „Professionelle“ es mit ihnen meint. Ist unser Handeln dabei, aus welchen Gründen auch immer, nicht authentisch, dann haben wir ohnehin schon verloren. Wenn ich beispielsweise daran denke, wie viele Stunden bzw. Nächte wir zusammengerechnet im Laufe eines Jahres an dem ein oder anderen Bett der Kinder verbringen, um ihnen so das Einschlafen, die Überwindung ihrer Ängste oder die Beruhigung und Sicherheit nach schweren und belastenden Albträumen zu ermöglichen, dann gehört dazu nun mal die persönliche Bereitschaft der TeamkollegInnen sich auf diese, meinem Eindruck nach sehr notwendigen emotionalen Zuwendungen einzulassen und diese nicht als Pflichterfüllung verstanden zu wissen. Die Beziehungsarbeit ist gegenüber den Kindern und Jugendlichen nur durch einen sehr hohen persönlichen Einsatz zu leisten, da es auch für uns immer wieder zu Enttäuschungen und Rückschlägen kommt, die jedoch durch ein kollegiales Team und weit reichenden fachlichen Unterstützungen aufgefangen werden können und auch ausgehalten werden müssen! Ein jeder der mit traumatisierten Kindern gearbeitet hat, weiß, welch unglaubliche Skepsis, Frustration, Resignation, Angst, Trauer, Verzweiflung und zeitweilige Aggression sich in ihnen verbergen kann und wie unsagbar schwer es ist, zu diesen Kindern eine vertrauensvolle und verlässliche Beziehung aufzubauen.

Mit unserem Konzept und der sich hierin widerspiegelnden individuellen Beziehungsarbeit wollen wir die Kinder und Jugendlichen erreichen, die andere bereits aufgegeben haben. Die vorgestellte Arbeit des Kinder & Jugendhauses Amthor ist sicherlich nicht einzigartig im Umgang und der Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit gravierenden Beziehungsstörungen und/oder traumatischen Erlebnissen. Wir gehen aber mitunter auch ungewöhnliche Wege, wenn sie denn im Interesse des Kindes stehen und dies im gemeinsamen Bemühen mit den Eltern der Kinder/Jugendamt/Schule usw. möglich/sinnvoll sind. Der Prozess am und mit dem Kind bestimmt sowohl das Tempo als auch die hierfür erforderliche Zeitschiene. Wir handeln dabei generell nach dem Grundsatz: „Der Weg ist das Ziel“.

Als Resümee lässt sich für unsere Klientel im Kontext der Bedingungen für einen Beziehungsaufbau folgendes aussagen:

Menschliche Beziehungen kann man nicht erzwingen. Sie haben ihre eigenen Bedingungen; nämlich:

  • Freiwillig und ungezwungen;
  • Selbstbestimmt und selbstentscheidend;
  • Eine Beziehung braucht Zeit zur Vertrauensbildung und zur Prüfung;
  • Eine Beziehung braucht Verlässlichkeit und Kontinuität;
  • Die Bezugsperson muss überzeugen und deshalb authentisch agieren.
  • Die stationäre Jugendhilfe muss die entsprechende Atmosphäre schaffen, damit Beziehung möglich wird und sinnvoll gestaltet werden kann.
  • Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht die Beziehung zwischen den Kindern und Jugendlichen und den MitarbeiterInnen im „familienanalogen Setting“.
  • Primär muss ich das Vertrauen und die Beziehung aufbauen, und erst dann kann ich den jungen Menschen mit Worten und meinem Handeln „erreichen“ und „erziehen“. Hierzu gehört dann auch Empathie und emotionale Zuwendung.
  • Menschliche Defizite (= fehlende menschliche Grunderfahrungen) können nur durch Menschen ausgeglichen werden, nicht durch Institutionen. Denn menschliche Erfahrung kann man nur in einer menschlichen Beziehung machen, die von Vertrauen, gegenseitiger Akzeptanz und Wertschätzung getragen ist. Also müssen menschliche Beziehungen angeboten beziehungsweise Gelegenheiten geschaffen werden, damit sie überhaupt erst- bzw. wieder entstehen können. Sonst kann der „schwierige“ junge Mensch keine neuen, positiven Erfahrungen machen, nicht lernen, sich nicht ändern; er bleibt schwierig. Ohne Beziehung ist Erziehung nicht möglich!
  • „Schwierige“ Kinder sind nicht erreichte bzw. mit den bisherigen Lebensumständen und Hilfen offensichtlich nicht erreichbare Kinder. Wenn ein Kind schwierig und beziehungslos bleibt, zeigt es damit, dass die bisherigen Hilfen entweder nicht ausreichten oder nicht die richtigen waren – dass keine Beziehung entstand, die genügend verlässlich und tragfähig war.
  • Wenn wir als Pädagogen glaubwürdig sein wollen, müssen wir fragen, ob wir den „schwierigen, beziehungslosen“ jungen Menschen eine realistische Chance gaben, zu einem verlässlichen Menschen eine tragfähige Beziehung aufzubauen.
  • Eine wesentliche Grenze des Institutionellen liegt im Bereich des menschlichen Beziehungsangebotes: Heim- und Gruppenstrukturen können günstige oder weniger günstige Rahmenbedingungen für eine Beziehung zwischen dem pädagogischen Betreuer und „seinem“ jungen Menschen schaffen; aber sie können die Beziehung selbst nicht schaffen oder ersetzen. Hierfür ist jede/jeder pädagogische MitarbeiterIn selbst verantwortlich.
  • Die „normale“ institutionelle Antwort der erzieherischen Hilfen sind Heim- bzw. Gruppenerziehung nach einem „familienähnlichen“ Modell. Sie beinhaltet jedoch in den meisten Fällen Schichtdienst der Betreuer. Das System der stationären Hilfen wurde in der Vergangenheit immer und immer wieder redigiert und weiterentwickelt. Dabei hat man versucht, es möglichst den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen anzupassen; die Gruppen wurden in normale Wohngebiete ausgelagert, sie wurden kleiner und damit für das Kind überschaubarer – doch wirklich gebraucht und gesucht haben die Kinder und Jugendlichen meist etwas anderes: nämlich einen Menschen für sich.


(vgl. Wolfgang Liegel; Erfordernisse und Bedingungen für den Umgang mit so genannten schwierigen Kindern und Jugendlichen; Dokumentation der Fachtagung „Was tun mit den Schwierig(st)en?“ S.133 ff; Berlin 1999)

  • Die familienanalogen Betreuungsangebote von stationären Kinder & Jugendhäusern unterliegen im Gegensatz zu den oben beschriebenen Einrichtungen der Jugendhilfe keinem Schichtdienstbetrieb! Vertretungen gibt es z.B. in unserem Haus nur einmal wöchentlich oder in Ausnahmesituationen (Krankheit/Fortbildung/Urlaub). Wir bieten eine „Rund-um-die-Uhr-Betreuung“ an 7 Tagen in der Woche bzw. 365 Tagen im Jahr!
  • Beziehungen müssen und werden in unserer alltäglichen Arbeit reflektiert und kontrolliert, denn es ist ohne jeden Zweifel immer wieder eine Herausforderung und Gratwanderung zugleich, um nicht durch so viel Nähe und Beziehung die eigentliche Problematik aus den Augen zu verlieren.


Abschließend lässt sich feststellen, dass in der Regel die Beziehungsarbeit in Jugendhilfeeinrichtungen weder für unnötig noch für fragwürdig gehalten wird. Sobald jedoch Beziehungen auch emotionale Bezüge aufweisen, entsteht meist eine kontroverse Diskussion. Mit unserem familienähnlichen Betreuungsangebot einer „Lebensgemeinschaft“ stehen wir aber auch für emotionale Beziehungen. Selbstverständlich ist nicht für jedes Kind/jeden Jugendlichen dieses Betreuungsarrangement sinnvoll und/oder hilfreich. Darüber zu entscheiden liegt jedoch primär bei der/dem zuständigen Fall-SozialarbeiterIn des Jugendamtes, die/der die betroffene Familie meistens schon länger kennt und beurteilen kann, welche Hilfemaßnahme für das Kind ggf. geeigneter ist.

Das Jugendhilfeangebot unseres Kinder- & Jugendhauses steht ganz gewiss nicht in Konkurrenz zu den Herkunftsfamilien der Kinder. Dies wird, so hoffen wir, auch noch einmal deutlich durch unsere intensive Zusammenarbeit mit den Eltern betont. Die Reintegration des Kindes/Jugendlichen in „seine Familie“ istauch unser Ziel, sofern hierfür überhaupt noch eine Familie oder ein Elternteil zur Verfügung steht.

Beziehungsarbeit ist ein höchst kompliziertes und sensibles Thema. Dennoch hoffen wir, dass unsere Ausführungen hierzu für Sie von Interesse waren und wir in den Beiträgen alle Fragen aufgegriffen haben und beantworten konnten. Hinter der nun ausführlich beschriebenen Beziehungsarbeit stehen jedenfalls wir, die KollegInnen des Kinder- & Jugendhauses sowohl als Menschen und auch als Professionelle.